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Oktoberfest – Lauter Fragen rund um die Wiesn

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Einmal jährlich steht München Kopf, und alles dreht sich wie ein Riesenrad. Oder wie Erika Mann es so treffend beschreibt: „Keiner denkt in diesen Tagen ernstlich ans Arbeiten, der „Wiesnmagen“ heißt die populäre Krankheit, und viele kommen vor Bier ohnedies nicht recht zu sich.“ Kurzum: Die Oktoberfestzeit beginnt!

Jedes Jahr begegnen uns fast die gleichen Fragen: „Wieso findet das Oktoberfest vornehmlich im September statt?“ „Wieso heißt das Oktoberfest ‚Wiesn‘?“, und wir beantworten diese Dinge gern, und lassen unser Wissen anzapfen, wenn es heißt: „O’zapft is“:

Am 17. Oktober des Jahres 1810 fand das Oktoberfest zum ersten Male statt. Feierlicher Anlaß war die Vermählung des Kronprinzen Ludwig mit der Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen. Ganz München war zu den Feierlichkeiten eingeladen, und fast ganz München feierte mit. Die Stadt hatte einschließlich aller hier stationierten Soldaten etwas mehr als 40.500 Einwohner, etwa 30.000 Untertanen kamen, um das Brautpaar zu bejubeln. Das Fest wurde über mehrere Tage gefeiert, und da ein Pferderennen stattfinden sollte, wurden die Feierlichkeiten außerhalb Münchens geplant, „vor dem Sendlinger Thore, seitwärts der Straße, die Nach Italien führt.“ Bis nach Italien hallte er auch der Ruf der Feierlichkeiten, denn bis zum heutigen Tage, erobern italienische Touristen am zweiten Oktoberfestwochenende die Festzelte, und zum „festa della birra“ werden regelmäßig Kräfte aus Südtirol zur Verstärkung eingesetzt.

Aber auch die sächsische Traditionslinie der Prinzessin Therese hat ihren Nachhall: Der Hang über der Wiese, auf dem die meisten Besucher 1810 feierten, hatte noch keinen Namen, König Max Ludwig genehmigte nach den Feierlichkeiten, die Fläche „Theresienwiese“ zu nennen. Doch der sächsische Einfluß ist noch an einer anderen Stelle zu finden: Der Wiesnklassiker „Ein Prosit der Gemütlichkeit“ entstammt der Feder des Chemnitzer Bernhard Dittrich, das sächsische Trinklied etablierte 1912 auf dem Oktoberfest.

1811 wurden das Oktoberfest und die Leistungsschau der Landwirtschaft zur Erntezeit, das Zentrallandwirtschaftsfest, zusammengelegt, und die Feierlichkeiten wuchsen von Jahr zu Jahr an, blieben aber privat finanziert und organisiert. 1813 fiel es wegen der napoleonischen Kriege aus, aber schon 1814 wollten die Münchner ihr neues Fest wieder feiern. 1818 beteiligte sich ein Praterwirt als Schausteller, der mit Kegelbahnen und Karussells eines der wichtigsten Elemente beisteuerte. Ab 1819 entschloss sich die Stadt München, die Veranstaltung selbst zu organisieren, und damit die Feierlichkeiten als feste Größe im Stadtkalender zu etablieren.

Auch die kleinen Bier- und Weinbuden außerhalb des Festgeländes waren den Stadtvätern ein Dorn im Auge, den schon bei der Hochzeitfeierlichkeit wurde die Verköstigung oberhalb der Tribüne, jenseits des eigentlichen Festgeländes ausgeschenkt. Erst 1880 erlaubte die Stadtverwaltung den Bierverkauf, und 1881 eröffnete die erste Hendelbraterei, zeitgleich wurde das Fest elektrifiziert, und die Bierbrauereien errichteten Festzelte, um Platz für Gäste, Kapellen und eine Tanzfläche zu haben, die Bierbuden wurden so elegant verdrängt. Zur selben Zeit wurde das Fest verlängert und in den September verlegt, damit das schöne und zumeist warme Wetter des Spätsommers genutzt werden konnte, da der landwirtschaftliche Aspekt, und damit die Erntezeit, schon keine Rolle mehr spielte.

Wer allerdings das Oktoberfest als niederes „Volksfest“ ignoriert, übersieht nicht nur die traditionelle Zuneigung aller Bayern, aller Schichten, zu diesem Fest, sondern auch, daß sich allerlei Apologeten der Hochkultur der Faszination unserer Wiesn nicht entziehen konnten. Schon 1836 konnte sich der junge Student Friedrich Hebbel für die Lebensfreude der Münchnerinnen und Münchner während der Wiesn begeistern, und daß Adlige und Bürger gleichermaßen dem Fest zugetan. Aber auch der Dichter Roda Roda hat sein Herz ab 1906 besonders an eine Volksbelustigung verloren: „Der Schichtel“! Eines der ältesten Schaustellerbetriebe ist der „Schichtl“. Seit 1872 veranstaltete August Schichtl „das Köpfen einer lebenden Person“ auf offener Bühne zur vollen Stunden. Auch Ödön von Horváth hatte eine Schwäche für die Abnormitätenschauen und setzte mit seinem Stück „Kasimir und Karoline“ dieser Welt ein Denkmal. Seine ursprünglichen Titelvorschläge „Die Wiesenbraut. Ein Abend auf dem Oktoberfest“ aber auch „Achterbahn und Wiesnbraut“ wurden leider verworfen. Aber auch Thomas Wolfe, der auf dem Oktoberfest in eine handfeste Schlägerei geriet, und in seinem Roman „Geweb und Fels“ die Wiesn in die Weltliteratur brachte, Thomas Mann, Klaus Mann oder Herbert Achternbusch, der Zigarettenverkäufer auf dem Oktoberfest war, viele Literaten haben uns ihre Gedanken und Zeilen zur Wiesn hinterlassen. Einem Nobelpreisträger ging auf dem Oktoberfest gar ein Licht auf: Der junge Albert Einstein schraubte für die Elektrofirma seines Vaters die Glühlampen des Schottenhamel-Zeltes ein.

Seit Ende des 19ten Jahrhunderts hatte das Oktoberfest also alle Elemente, die wir noch heute schätzen und lieben. Mittlerweile gibt es über 4.000 Oktoberfeste auf der Welt, „World Wide Wiesn“ wie eine Zeitung unlängst titelte, aber nur ein Original, das nicht nur das Erste, sondern auch das Größte seiner Art mit über 6 Millionen Besuchern jährlich ist. Wir freuen uns auf Ihren Besuch, und mit Ihnen an dem alljährlichen Schlachtruf: „O‘ zapft is!“

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